Einmal Leben, zum Mitnehmen, bitte.

14. November 2008
Autor: Sophia Mandelbaum

Er hat sich hinter seiner Brille verloren. Das Sofa fleckenübersät, die Luft abgestanden, der Aschenbecher gefüllt mit abgeschnittenen Fußnägeln. (Kompletten Artikel lesen…)

Dämonennacht VII

9. Mai 2008
Autor: Johannes Seitz

Blutdurst, Blustlust, Blutrausch – in den Dämonennächten, die wir miteinander zu verbringen gezwungen sind, geht alles den Bach herunter: denn die Welt fiel uns auf den Kopf, und lag uns am Morgen des Erwachens zu Füßen. Darin liegt die Gnade, die Erlösung, die höhere Gerechtigkeit. Zinnbeil war andauernd damit beschäftigt, den trockenen Tabakgeschmack aus seinem Mund zu verscheuchen, um nicht abermalig in die Täler der Migräne zu stürzen. Ja, er hatte gemordet, hatte seinen Widersacher in einer verklärten Vollmondnacht aus dem Weg geräumt, weil es keinen anderen Weg geben konnte. Ein weiterer Fall wäre nicht mehr auszuhalten gewesen, Zinnbeil war bereits im Verglühen inbegriffen: die Sterne sangen ein Requiem, in dieser schicksalhaften Nacht, die Vögel schwiegen, der Mond rauschte: Totenstille strich um die Friedhöfe. Alle Welt erwartete: ein Opfer. Köpfe werden rollen, die scharfen Klingen sind gezückt. Dein Königreich wartet nicht mehr länger auf dich, hole es heim, gib es auf: für den Sonnenmenschen ergibt sich aus diesem Punkte keinerlei Differenz. Nur wir, nur wir Hochbegabten, Leidgeplagten, wir, die wir mit dem zweiten Gesicht ausgezeichnet oder verflucht sind, wir dürfen tun und lassen, was wir wollen. Selbst im Stahlbad der Vollmondepoche ziehst du dein Geschick noch in Zweifel, haderst und lumpst herum? Wie eine Leiche… Und dennoch den Selbstmord in Betracht ziehen? Nichts ist passiert, und alles zugleich. Die Vorhänge sind um Haaresbreite gespalten, die Vorgänge laufen im leblosen Modus weiter vor sich hin: die Entscheider im unteren Reich haben ihre Unterhaltung gehabt, sie haben dich als Schwächling identifiziert, sodass du nun hoffen kannst, dass endlich Ruhe ist, dass sie endlich Ruhe geben werden. Wissen kannst du es nicht: denn die Nacht zieht weiterhin ihre Bahnen, verhüllt das schlaftrunkene Antlitz des unberechenbaren Tages. Zinnbeil schlüpft in sein dunkelblau geprägtes Madrashemd, entnimmt der Streichholzschachtel aus dem Münchener Lehnbachhaus ein Holz und entzündet eine neue Gauloises: Rauchen, der Inbegriff der Freiheit. Wovon: vom Leben! Auf Teufel komm raus werde ich die Schattenseite, die sich mir erschlossen hat, nicht mehr hergeben. Zu schwach und unentschlossen, um darin auszuharren, zu stark und krank, um vollständig auf ihre süßen Einflüsterungen zu verzichten. Dein Wort ist Gesetz, sage nur ein Wort. Dein Wille geschehe, wie im Hades so in Arcadia. Zeit stand still, Zeit steht still: die Vertrauten, Wegelagerer berichten von der Knappheit deines Versuchs: dem Tod ein Schnippchen geschlagen, ihm von der Schippe gesprungen: und forthin im kühlen Grabe gelandet? Morde werden belohnt? Am Wegesrand lauerte der ausgemergelte Herr, der deine Gabe zurückwies, obwohl du ihm kein Geld angeboten hast. Tag im Park. Vernebelte Worte: klares Gefüge. Verwirrtes Gepräge: ohne Belege. Zinnbeil am Tisch, Zinnbeil in Trance, Zinnbeil greift zur Zeitung: Ich bin kein böser Mann. (Kompletten Artikel lesen…)

A Couple of Differences Between Thinking and Feeling II

8. April 2008
Autor: Johannes Seitz

Joseph Rickbauer sprang vor den Zug, nahm sich das Leben am selben Tag wie der englische Künstler Angus Fairhurst. Nach drei in der Psychiatrie zugebrachten Tagen hielt er es nicht mehr aus, gehorchte den Stimmen, hörte auf den Befehl, erlag der Marter und ging in den Tod, der auf den Schienen wartete. An Stelle des unverbesserlichen Narren riss es ihn aus dem Leben, denn dieser wartete am Gleis und präparierte sich für den Sprung ins Unendliche, so war es gedacht.

Der Narr Richard Schindler ging zum Schalter und erkundigte sich danach, wann der nächste ICE vorbeibrausen würde, formulierte die Frage selbstverständlich anders, weniger auffällig: Die nächste überregionale Verbindung, bitte! Mehrdeutig im wahrsten Wortsinne befragte der Narr den Schalterbeamten, einen der wenigen noch verbeamteten Bahnmitarbeiter. In die weite Welt soll´s gehen, ja? Junger Mann? Der Narr Richard Schindler war kurzzeitig durch abseitige Gedanken abgelenkt worden, fragte sich, ob sein Gegenüber wohl auch mal dorthin reisen würde, wo er selbst gern stürbe. Dachte darüber nach, ob sein Gegenüber jemals in den Genuss des Jenseitigen gekommen, ins Aus gedriftet war, den sogenannten roten Faden verloren hatte, und musste, wie fast immer in solchen Fällen, zu dem traurigen Schluss kommen, dass der brave Beamte niemals an den Ort reisen würde, an den er sich nun endgültig begeben wollte. Nach Florenz, richtig, das ist die weite Welt, dahin würde ich gern mit der Bahn fahren. (Kompletten Artikel lesen…)

Der erste Tag I (Auszug aus dem Roman “Dienstweg”)

29. März 2008
Autor: Günter Schweig

Anfang April war es dann soweit. Ich hatte den Zug um halb fünf Uhr morgens genommen und nun - knappe drei Stunden später - fuhr er in Göttingen ein. Wieder zogen die Magnolien langsam am Zugfenster vorbei, aber nun waren sie schon samt und sonders verblüht und das gab mir doch einigermaßen zu denken.
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Du Levande

27. März 2008
Autor: Johannes Seitz

Frostige Winde wehen am tristen Orte, die mühsam heran schleichende Straßenbahn gibt den Namen dieser gottverlassenen Gegend preis: sie mäandert auf rostigen Schienen an den Ufern des Flusses Lethe. Entseelte Leiber, entleibte Seelen - je nachdem - schleichen umher, ein unsichtbarer Mechanismus sorgt dafür, dass ihre Häupter ins Gewässer eintauchen, schwere Schlücke nehmen, auf dass noch das letzte Überbleibsel ihrer selbstlosen Vergessenheit auf monumentale Weise ins Nichts fließen kann. Alles fließt, nichts ist weich: wer unter die stählernen Räder dieser Bahn gerät, dem ist nicht mehr zu helfen; womöglich half er sich bereits selbst. Schwer zu durchschauende Nebel schwängern die toten Föten in der Lethe-Luft, die Stickstoffen gleichen mag; Gase marodieren in den porösen Lungen der gegangenen Einwohner. Stets fragt man sich, wer hier herrschen mag. Man reichte ihnen den Schlummertrunk, wie die Korkenzieher-Fäden über ausgeblasenen Kerzen drehen sich Angehörige des lethischen Volks senkrecht in die mannigfachen Doppelbödigkeiten des Berufsverkehrs, zu dem sie stießen als sie die Bahn verließen. Später: ein von Zauberhand bewegtes Ehehaus auf sorgsam gütigen Gleisen schiebt sich vor die Augen einer jubilierenden Schar, man liebt das junge Glück allerorten. Schwere Wasser frieren im toten Strom, Gegenstände verkommen, Seelen perlen auf krachenden, lahmen Erhebungen auf dem Wasser, doch von Wellen ist keine Rede. Fahles gelbliches Neonlicht schimmert aus den geöffneten Schiebetüren des eisernen Gefährts, langsam kommt man an, öffnet sich den hiesigen Gegebenheiten, entschließt sich zur Höflichkeit, gehorcht den althergebrachten Gepflogenheiten. Schwammige Gesellen heben die müden Glieder wie zum Gruße: alles scheint vertraut, und doch: was stimmt hier nicht? Blässe, gefühlte zehn Grad unter Null, die bedeutungslose Straßenbahn, die interesselos kreuchenden Neuankömmlinge: welche Art von Klima herrscht in diesen Breitengraden? (Kompletten Artikel lesen…)

Anschnallen

26. März 2008
Autor: Stefanie Woit

Früher, wenn ich in Flugzeuge stieg, egal, wohin oder für wie lange, da hab ich dann kurz überlegt, während der Gurt leise klackte, was wäre, wenn das Ding jetzt abstürzte. Wenn es aus einem Luftloch nicht mehr atemstockend wieder auftauchte, sondern mit einem schrillen Rauschen einfach vom Himmel fallen würde.
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Aufschlag

18. März 2008
Autor: Johannes Seitz

Die Verschwommenheit des Daseins ohne Unterbrechung ertragen müssen; meine Koordinaten springen umher wie Tennisbälle in der wohl duftenden Sporthalle, in deren angegliederter Umkleide es nach frischem und älterem Schweiß riecht, wo der Wasserdampf aus den Duschräumen schleicht, um die maigrün furnierten Sperrholztüren der Spinde mit feuchten Filmen zu überziehen, sodass wir Muster und simple Bilder oder Schriftzüge dort auftragen können wie auf beschlagene Windschutzscheiben – zurück in die Tennishalle meines dreidimensionalen Koordinatensystems, das ich beschreiben wollte; denn die eben noch jungfräulichen Filzbälle – ach, wie gut und steril sie den Geruch viriler Jugend verbreiten! – die eben noch in der vakuumierten Pappröhre sich befanden, dann aber mit einem wohligen Zischen, als handele sich um eine Getränkedose oder um einen luftdicht verschlossenen Pizzateig, dessen Verpackung ebenfalls mit einem schnellen Riss geöffnet wird, auf dass die bleiche Backmasse dem geringelten Papppython entquillt; eben diese fabrikneu in die Welt drängenden Neon-Kugeln – drückt man sie kräftig zusammen, offenbaren sie ihre hohle Innenwelt, die für Elastizität beim Aufprall Sorge trägt – diese Mini-Sphären floppen lebensbejahend von gespannten Netzwerken, schießen von Schläger zu Racket über das professionell aufgehängte, schlaffe und gleichsam stramme Netz, treffen auf das Karomuster drahtiger Darmschnüre (so: ###), die heute wohl aus Kunststoffen gefertigt werden, und bleiben unentwegt in Bewegung, bis ihre Filzverkleidung abgeschabt und/oder aufgequollen ist, bis sie schließlich den Hunden zum Fraß vorgeworfen, bis die Tennisbälle von hündischem Speichel umsogen werden::: (Kompletten Artikel lesen…)

Immer ist ein Dreck

18. März 2008
Autor: Stefanie Woit

„Welche Musik willst Du denn?“ frage ich. „Rammstein?“
„Ja“, sagt sie. Rammstein mag sie. „Das ist doch auch sehr passend für eine Beerdigung.“
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Die Illusion der Permanenz

14. März 2008
Autor: Johannes Seitz

Max Brod: “Gibt es noch Hoffnung für die Menschheit?”
Franz Kafka: “Aber ja, nur nicht für uns.”

Tradition ist die Illusion der Permanenz. Und doch schalten und walten sie hier, beherrschen mit ungeheurem Geschick pervertierte Künste, verhandeln mit flinken Zungen und Fingern, prägen und dominieren das Erscheinungsbild eines gottverlassenen, abgestorbenen Platzes, zerfetzen hoffnungsvolles, junges Leben, desinfizieren die verpilzten Hinterzimmer, zerstäuben die illegal angebauten toxischen Pflänzchen, die, blühendem Klatschmohn gleich, im Schattenreich wuchern, Wurzeln schlagen und ihre todbringenden Früchte ins sonnendurchflutete Land des Frohsinns werfen; unergründliche Fährten nehmen hier ihren Anfang, heimtückische Abenteurer dringen von dort unten herauf, versalzen die heilen, gesunden Täuschungen, führen sie in die Irre, lähmen ihre Kräfte indem sie sie noch wilder befeuern, zersetzen ihr soldatisches, uniformes Wirken, sägen an den morschen Hochsitzen, treiben Heerscharen von gefräßigen Ratten in ihre feuchten Keller, locken ihre Brut, vergiften deren Hirne und Herzen mit süßen Substanzen, holen sich die labilen Seelchen, paralysieren diese mit den Mittelchen der pulverisierten Weisheit, weihen sie ein, zeigen ihnen den hühnereigroßen Onyx, stoßen ihre schelmischen, pausbäckigen Kugelköpfe mit aller Macht gegen diesen schwarzen Monolithen, lehren sie das Gesetz des Blutes, lassen sie daraufhin gehen, warten ab, ob die Saat aufgeht, beobachten und wässern das tote Feld genau, bilden nicht enden wollende Reihen von Friedhofsgärtnern, die emaillierte, verbeulte Gießkannen schleppen, um das wertvolle Samengut permanent mit Leichenwasser zu begießen; reiben sich die knochigen Hände, erwarten immer nur das Größte, Ungeheuerlichste, bereiten alles vor für die Zelebration der absoluten Schwärze, präparieren faulige Oblaten, feilen sich die verhornten Nägel, salben die gichtgeplagten Klauen

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Kleinstadt aus Backsteinen

10. März 2008
Autor: Günter Schweig

Erleuchtete Fenster
am Stadtrand.
Nichts verheißend
als Bewohnbarkeit
und Enge
und Reste von Kartoffelbrei
auf den noch lauwarmen
Herdplatten.

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