Zivi-Rüstzeit auf Spiekeroog Teil 2
Mit einigen anderen ging ich los, um aus der Herberge unsere verbliebenen Alkoholvorräte zu holen.
Das Bier war leider bereits am frühen Abend zur Neige gegangen, aber gottseidank hatte Matthias noch einen Trumpf im Ärmel: Er hatte am Vortag eine Flasche Rum besorgt, die noch nahezu voll war. Wer wollte, konnte sich zum Rum einen Schluck Cola in den Mund gießen, oder besser noch: gießen lassen. Kohlensäure war da allerdings keine mehr drin.
Irgendwann stimmte Matthias das Niedersachsenlied an:
„Wir sind die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen.“
Ich bedauerte, den Text nicht zu kennen, aber immerhin stammte ich ja auch gar nicht aus Niedersachsen, sondern aus dem Siegerland und da ist das Singen ohnehin verpönt. Dort nimmt man still in der Gartenlaube sein Bier zu sich und lacht über Zoten. Dennoch war ich besoffen genug, um mitzusingen. Beim Refrain stimmte ich ab und zu mit ein. Der war leicht zu merken.
Ob ich Leistungssportler sei, fragte mich Oli, er sehe mich die ganze Zeit nur essen. Als ob das ein Kriterium sei! Oli hatte bereits eine Glatze und anstelle von Brustwarzen hatte er dunkle krustige Einbuchtungen an seinem erschlafften Hängebusen. Ich ging von einer Fettabsaugung aus.
Oli war es auch, der sich bereits am zweiten Tag der Rüstzeit den Unmut des Begleiters Zettau, eines Sozialarbeiters der hannoverschen Landeskirche, zugezogen hatte, so dass Zettau vor allen Anwesenden konstatierte, dieses Menschenkind namens Oli könne man doch wohl „nur noch auf den Mond schießen“, für mehr tauge er „scheinbar“ (!) nicht und er, Zettau, für seinen Teil werde die ganze Fahrt über kein einziges Wort mehr mit ihm sprechen.
Am letzten Abend der Rüstzeit kam es freilich erwartungsgemäß zur lallenden Versöhnung: Es sei „ja doch noch nicht alles verloren“ und er, Oli, sei ja „sicher noch entwicklungsfähig.“ Immerhin habe er, Zettau, ja auch ein wenig “überreagiert”, so Zettau zwinkernd. Auf dieses Wort hatte man geradezu gewartet. Was für Mimöschen unterhielten sich hier eigentlich? Oder hatten sie sich solch einstudiertes Streitgehabe gar aus dem Marienhof abgeschaut? Oli aber wisse doch inzwischen sicher, was er „falsch gemacht” habe, nicht wahr, setzte Zettau nach. Ja, das wusste Oli nun, bekannte dies auch sogleich pflichtschuldig und durfte sich dafür noch eine Extrawurst vom Schwenkgrill herunternehmen.
Alle anderen Zivis wurden mit gerade einmal zwei dünnen Bratwürsten abgespeist. „Zettau, Du Arschloch!“ schallte es - untermalt durch rhytmisches Stadiongeklatsche - folgerichtig aus unseren Mündern. Erstaunlich und entwürdigend zugleich, welchen Stellenwert unter den Zivis Zettau als Leiter der ganzen Rüstzeit bereits nach einer Woche innehatte. Aber so kommt es eben, wenn man sich zu früh in Sicherheit wiegt und sich bei den jungen Leuten anbiedert und so tut, als gehöre man noch immer zu ihnen, dachte ich. Denn die Jungen, so dumm sie auch sein mögen, verfügen über ein untrügliches Gespür dafür, wer wirklich zu ihnen gehört und wer dies nur gerne möchte. Pädophile und Schokoladenonkel werden da rücksichtslos aussortiert.
Stein des Anstoßes zwischen Zettau und Olli war eine von Zettau angeleierte Diskussionsrunde am Mittag des zweiten Tages der Rüstzeit gewesen.
So sei das ja nun nicht, dass wir ihm hier ganz ohne „Arbeit“ davonkämen. Bier und Gras seien ja schön und gut, aber den ganzen Tag Bier und Gras? Er selbst sei wahrlich auch kein Kostverächter, wie wir ja sicher schon bemerkt hätten, aber immerhin stehe diese unsere gemeinsame Zeit doch unter dem Motto “Alter, Krankheit und Sterben”, warb Zettau um ein wenig Verständnis für die Diskussionsrunde. Das Motto der Rüstzeit war den meisten nicht einmal bekannt, wie sich nun herausstellte. Boris, ein Bodybuilder aus Fulda, war sogar der Meinung, hier sollten in einem Workshop Lenkdrachen hergestellt und anschließend am Strand ausprobiert werden. Seine Enttäuschung war ihm doch deutlich anzumerken.
„Doch kommt, setzt Euch doch eben mal hin. Sagen wir, eine halbe Stunde, dann könnt ihr wieder an den Strand“, überedete uns Zettau zum Gruppengespräch. So nahmen wir unsere Bierflaschen und Stühle mit auf die Terasse und bildeten einen Kreis aus fünfzehn mehr oder minder motivierten Zivildienstleistenden.
In der prallen Mittagshitze war dann von Überbevölkerung und Überalterung der Gesellschaft die Rede. Und wie man diesen „Fehlentwicklungen“ der heutigen Gesellschaft entgegenwirken könne. Mit Kondomen lag man hinsichtlich der Überbevölkerung voll im Trend. Allerdings waren die ja nun auch schon etliche Zeit auf dem Markt und es blieb festzuhalten, dass der Neger im Busch, wenngleich aus dem Kautschuk seiner Heimat hergestellt, es anscheinend nur ungern benutzte. Empfand er es denn am Ende gar als Verunglimpfung seines sprichwörtlich langen Degens?
Zudem hatte auch der Papst immer noch eine Lobby bei einigen Verirrten und der war bekanntlich auch kein Freund des „Verhüterli“, wie die Schweizer in ihrer unerträglichen Witzelsucht formulieren, die sie nicht einmal davon abhält, ein Instrument zur Empfängnisverhütung mit einem Verniedlichungs-i zu versehen.
Solche und ähnliche Erwägungen wurden angestellt und man konnte sich nur wundern, wie die lethargischsten unter uns auf einmal zu großer Form aufliefen und sich tatsächlich so etwas wie ein Streitgespräch zwischen den Zivis entspann, das Zettau zu moderieren versuchte, indem er sich immer wieder hektisch vorbeugte und schrie: „Woran machst Du’s fest? Komm, tu noch ein bisschen Fleisch dran!“ Zettau benahm sich, als ginge es hier um Leben und Tod und dies nicht nur gedanklich. Als würde hier, auf dieser Zivifreizeit in den kommenden Stunden über das Schicksal der ganzen Welt entschieden. Irgendwie gönnte ich ihm aber auch dieses Erfolgserlebnis, denn es war das erste Mal, dass man dachte, er befinde sich nun in seinem Element. Und im Bereich von Sozialarbeitern war es ja möglicherweise eines der höchsten Prädikate, fünfzehn Zivis zum Gruppengespräch über gesellschaftspolitisch relevante Problemstellungen motiviert zu haben? Wer weiß das schon so genau?
Matthias und ich hielten uns in der Debatte zurück und dachten uns unseren Teil. Zu zweit kann man gut Leute beobachten, sich mit verschränkten Armen bequem zurücklehnen und dann und wann verständnisinnig auflachen. Das geht alleine nicht so gut.
Als sich bei diesem Diskussionsstand Oli mit seiner „Lösung“ der Dinge einmischte und vorschlug, dem alten Menschen von vorneherein nur eine Lebenserwartung von genau 70 Jahren zuzubilligen, sein Ableben gleichsam nicht dem Zufall (oder “dem Schicksal” – O-Ton Zettau flüsternd) zu überlassen, sondern vielmehr durch die Verabreichung einer „ewigen Narkose“ regelnd einzugreifen, war es soweit: Der bis dato schmunzelnde oder zu weiteren Ausführungen drängende Zettau fragte noch einmal nach, ob dieser Vorschlag denn auch ernst gemeint sei. Ja, das sei er, als Modell, um der allgemeinen Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken, entgegenete Oli und prostete Zettau zu.
„Un-fass-bar“ war das ja. Dieses Menschenkind namens Oli könne man doch nur auf den Mond schießen. Und warum Oli sich eigentlich überhaupt für den Zivildienst entschieden habe. Bei solchen Ansichten! Da wäre Oli doch bei der Bundeswehr direkt weit besser aufgehoben. Das Wort „Bun-des-wehr“ sprach Zettau dabei so aus, als handele es sich um den Leibhaftigen in Person.
Zettau stand wild gestikulierend auf. Das müsse er nun erstmal seiner Freundin, der „Künstlerin“ aus Hannover erzählen, was sich hier eben Bestürzendes abgespielt habe. Die war die zweite Begleitperson der Rüstzeit und spülte in der Küche gerade die letzten Löffel vom Mittagessen ab. Auch sie fand das, was Zettau ihr mit aufgeregter Fistelstime berichtete „un-fass-bar“. Das hörte man deutlich in den Pausen, die sich zwischen dem Klappern der Löffel und dem Gegurgel des Spülwassers ergaben.
Nein, solche Ansichten waren absolut nicht zu dulden und auch seine Pfeife schmecke ihm danach nicht mehr, tobte Zettau, und daran sei allein Olli schuld.
Sozialarbeiter Zettau klopfte die soeben erst angefachte Pfeife am Geländer aus und der gerade erst glimmende Tabak rieselte in die Blumenrabatten. Die Pfeife passte nicht zu ihm und ständig hatte man das Gefühl, er fühle sich auch nicht wohl mit dem Ding. Zettau verharrte einen Moment: Hatte er Oli nicht gestern zu später Stunde noch das Du angeboten?
Eigentlich hatte auch der Pfarrer aus Hannover wieder mit von der Partie sein sollen, genau wie bei der ersten Rüstzeit, einem Segeltörn entlang der deutschen Nordseeinseln.
Der hätte zu diesem Vorfall sicherlich auch noch ein paar treffende Worte sagen können. Aber der war ja hier und jetzt nicht griffbereit, ebensowenig wie bei dem Segeltörn, der nun auch schon wieder fast anderthalb Monate zurücklag.
Damals hatte es Gürtelrose geheißen. Nun hieß es wieder Gürtelrose. Anderthalb Monate Gürtelrose? Über dieses Sonderwissen verfügte freilich nur ich als Teilnehmer beider Rüstzeiten und so wurde ich von Zettau beim ersten Hinweis hierauf eigens beiseite genommen: Die Sache mit der Gürtelrose sei nicht zusehr „an die große Glocke zu hängen“. Warum dies nicht an die große Glocke zu hängen sei, wurde jedoch nicht erläutert. Existierte dieser apostrophierte Pfarrer aus Hannover am Ende gar nicht und Zettau gaukelte Rüstzeit für Rüstzeit eine fingierte Legitimation vor?
Im Grunde blieb dies aber fast die einzige Unstimmigkeit zwischen Zettau und mir; er ließ mich in Ruhe und ich ihn; es war wie ein stillschweigendes Abkommen zwischen ihm und mir. Am ersten Tag beim Mittagessen hatte er mich noch angebellt, als ich versuchte mit bloßen Fingern den in die Soße gestürzten Soßenlöffel abzufangen. Aber mit einem „Bitte, dann fisch Du ihn doch heraus, Du Idiot,“ war ihm das Maul schnell gestopft. Unter dem Gejohle des ganzen Speisesaals versuchte er daraufhin eine geschlagene Minute, mit Hilfe anderen Bestecks den Soßenlöffel wieder ans Tageslicht zu fördern, was ihm erwartungsgemäß misslang. Schließlich rannte er fluchend aus dem Speisesaal, ehe seine Lebensgefährtin Cornelia, die Künstlerin aus Hannover, beherzt eingriff und den Löffel – ebenfalls mit ihren Futtfingern – aus der Soße herausholte.
Zettau selbst betrat den Speisesaal erst wieder, als alle anderen fertig gegessen hatten. Verarschen könne er sich alleine, dafür brauche er kein Publikum, raunte er Matthias im Vorbeigehen ins Ohr.